Über die Chancen der Digitalisierung in der Schulbildung

Digitales Zukunftsforum der CDU Altona/Elbvororte von und mit Antje Müller

Die Schule in der Pandemie hat uns deutlich vor Augen geführt, wo wir bei der Digitalisierung von Schulen stehen. Allerdings reduziert sich die öffentliche Diskussion viel zu häufig auf das (Nicht-) Vorhandensein von Endgeräten und digitaler Infrastruktur. Aus den Augen gerät dabei leider die wichtige Frage nach den Chancen, die in der Digitalisierung von Lernprozessen liegen. Was sind die Vorteile digitalen Lernens? Welche Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden, damit sich diese Chancen materialisieren? Wo liegen aber auch die Grenzen? Und wie könnten in Schule und beim Lernen analog und digital optimal ineinandergreifen? Antje Müller diskutierte am 23. Februar 2021 mit Bildungsexperten und -expertinnen aus Praxis, Forschung und Politik.

Wie wollen wir lernen Orwell 20210223Wie groß das Ausmaß des digitalen Stillstands in Deutschlands Schulwesen ist, illustrierte der Präsident der HCU an einem Artikel aus dem „Spiegel“, der die vor uns liegenden digitalen Herausforderungen höchst aktuell beschreibt. Allein, er stammt aus einer Ausgabe von 1984.

In Estland, so konnten die Hamburgerinnen und Hamburger von Anneli Kesksaar aus Tallinn lernen, ist vieles von dem, was Jörg Müller-Lietzkow engagiert und zu Recht in seinem Impulsvortrag forderte, bereits Realität. Deswegen, so Kesksaar, kommen Estlands Schülerinnen und Schüler recht gut durch die Pandemie.

Die Krise hat in Hamburger Schulen mehr in Richtung Digitalisierung bewegt als die digitalen Lippenbekenntnisse der letzten fast 40 Jahre. Christian Gefert weiß, was Lehrkräfte in der Pandemie alles – in Eigenregie – auf den Weg gebracht haben.

Wie die gewonnenen Erkenntnisse aus den Lockdowns systematisch gesichert, weiterentwickelt und verstetigt werden, bleibt indes vollkommen unbeantwortet. Die Zeitkontingente und Ressourcen, die Schulen dafür zur Verfügung stehen, sind – so viel ist klar - angesichts des immensen Innovationsstaus im Schulwesen völlig unzureichend. Zudem fehlt es an medienpädagogisch ausgebildeten Lehrkräften. Ob sie in diesem Fachgebiet ausgebildet werden können, sei dem Zufall überlassen, so Andreas Hedrich, derzeit einziger Lehrender im Arbeitsbereich Medienpädagogik an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Hamburg. Lehrangebote im Bereich der Medienbildung sind zwar vorhanden, aber längst nicht ausreichend für die große Zahl von Lehramtsstudierenden.

Leider, so berichtet Andreas Grutzeck, wird in der Bürgerschaft nicht über die Zukunft digitaler Bildung, sondern fast ausschließlich über die Ausstattung mit digitalen Endgeräten diskutiert. In diese wurde zwar in der letzten Zeit viel Geld investiert, gleichzeitig fehlt jedoch auch hier eine fundierte Erfolgskontrolle über den tatsächlichen effektiven Einsatz, die Verwaltung und den Wartungszustand der Geräte.

Was ist dran, an digitaler Bildung?

Zunächst – das wurde in der Diskussion klar – kann und soll digitale Bildung analoge Bildung nicht ersetzen, sondern bereichern.

  • Beim bloßen digitalen Kopieren herkömmlicher Unterrichtsmethoden, die parallel mit Präsenzangeboten stattfinden, wäre ein nicht zu verachtender Vorteil immerhin, nicht anwesenden Schülerinnen und Schülern Teilhabe zu ermöglichen. Aber digitale Methoden können mehr. Durch adaptive Lernsysteme können sie einen Grad der Personalisierung beim Lehren und Lernen herstellen, der durch traditionellen Unterricht nicht zu erreichen ist. Das betrifft nicht nur den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben, sondern auch die Form des Unterrichtsmaterials, bis hin zu Spielen, die auf den jeweiligen Lerntyp abgestimmt sein können. Das kann zu mehr Chancengerechtigkeit führen und ist angesichts der Bildungsungleichheit, die das Distanzlernen weiter vergrößert hat, von außerordentlicher Bedeutung.
  • Der kompetente Umgang mit dem Digitalen (=Digitalkompetenz, zu der nicht allein die Fähigkeit zum Bedienen der Geräte, sondern vor allem auch das Reflektieren über Nutzen und Verwendungsarten gehört) muss in Schule vermittelt werden. Die Gegenwart ist digital. Junge Menschen müssen digital kompetent sein, um als mündige Bürgerinnen und Bürger unsere Gesellschaft zu gestalten.
  • Die Vermittlung des Beherrschens von Programmierung, Algorithmen, Grundlagen der Künstlichen Intelligenz u. ä. ist für ein hochentwickeltes Land wie Deutschland unerlässlich.
  • Digitale Verwaltung kann die Schul- und Unterrichtsorganisation systematisieren und vereinfachen, sowie die Möglichkeiten der Kollaboration innerhalb der Kollegien verbessern. Sie unterstützt die Kommunikation zwischen der Schule, den Lernenden, den Sorgeberechtigten und den schulischen Gremien.

Was braucht es also, um digitale Bildung voranzubringen?

  1. Bewusstsein und klare Zielvorstellungen in der Politik und in der übergeordneten Verwaltung für die Schlüsselrolle von Digitalisierung in zukunftsfähigen Schulen
  2. Professionelle und systematische Unterstützung von Schulen bei der digitalen Transformation unter Berücksichtigung des Datenschutzes
  3. Geordneter Transfer von schulspezifischer Expertise auf andere Schulen
  4. Überarbeitung der Bildungspläne, um Raum für die Vermittlung digitaler Kompetenz und der Beherrschung digitaler Werkzeuge zu schaffen
  5. Errichtung einer systematischen, qualitativ hochwertigen und umfassenden digitalen Lehr- und Lernmittelbibliothek
  6. Systematische (Fort-)bildung von (angehenden) Lehrerinnen und Lehrern im Hinblick auf die zu vermittelnde Medienkompetenz, die Vermittlung von Kompetenzen hinsichtlich der digitalen Werkzeuge und dem die Unterrichtsqualität steigerndem Einsatz von digitalen Lehr- und Lernmitteln
  7. Einheitliches digitales Schulverwaltungs-, Kollaborations- und Kommunikationssystem
  8. Schaffung und Unterhaltung der notwendigen digitalen Infrastruktur für Lehrende und Lernende

Wie wollen wir lernen Teilnehmer 20210223Angesichts dieser langen ToDo-Liste mag einen vielleicht der Mut verlassen. Aber, ermutigte Anneli Kesksaar, Estland stand vor gar nicht langer Zeit vor ähnlichen Problemen und habe sie gelöst. Vielleicht liege das an der Kleinheit Estlands. Estland hat tatsächlich nur 70% der Einwohner Hamburgs, dafür liegt das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner aber bei nur 30% dessen, was durchschnittlich jeder Hamburger und jede Hamburgerin im Jahr erwirtschaften.

Sofern der politische Wille vorhanden ist, sollte es also machbar sein.

Es diskutierten mit Ihnen

Wie-wollen-wir-lernen-Chancen-der-Digitalisierung-20210223.pdf

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